Agilität an Schulen: Was Unternehmen vom Deutschen Schulpreis 2026 lernen können

„Agilität beginnt nicht mit einer Methode. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam lernen – im Klassenzimmer, auf dem Spielfeld und im Unternehmen.“

Selbstorganisiert arbeiten, Unterstützung nutzen, aus Rückmeldungen lernen: Die ausgezeichneten Schulkonzepte erinnern an zentrale agile Prinzipien. Interessant ist dabei nicht, ob im Klassenraum Scrum eingesetzt wird. Sondern wie Verantwortung, Begleitung und Weiterentwicklung zusammenkommen.

Artikel | Komplexität & Agilität
Von Andreas Becker | veröffentlicht im Oktober 2026

Als Schülerinnen und Schüler bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises ihre Arbeitsweisen beschrieben, dachte ich: Das erinnert mich sehr an agiles Arbeiten. Nicht wegen bestimmter Rollen oder Methodenbegriffe. Sondern weil sie davon erzählten, wie sie ihr Lernen gestalten und dabei unterstützt werden.

Am 29. September 2026 überreichte Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin den Hauptpreis an die Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf. Fünf weitere Schulen wurden ausgezeichnet; hinzu kam ein Preis der Jury für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ich habe mir die veröffentlichten Schulkonzepte genauer angesehen. Sie bestätigen meinen ersten Eindruck – und enthalten eine wichtige Korrektur an einem verbreiteten Bild von Agilität.


Selbstorganisation hat einen Rahmen

An der Hans-Leipelt-Schule Donauwörth verbindet das Konzept „BOS Vision“ kurze fachliche Einführungen mit selbstorganisiertem Lernen. Die Materialien bieten drei Niveaustufen. Lehrkräfte begleiten als Coaches; Unterstützung kann bei Bedarf auch bei Lehrkräften anderer Klassen eingeholt werden. Im Kollegium werden Unterricht und Materialien gemeinsam weiterentwickelt. Der Deutsche Schulpreis

Für mich steckt die entscheidende Parallele im Zusammenspiel: Orientierung wird nicht abgeschafft, sondern so gestaltet, dass Eigenverantwortung möglich wird. Die Lernenden sind weder bloße Ausführende noch auf sich allein gestellt.

Genau daran lässt sich auch eine agile Transformation im Unternehmen messen. Welche Entscheidungen darf ein Team tatsächlich treffen? Kennt es das gemeinsame Ziel? Und bekommt es die Unterstützung, die es für seine Verantwortung benötigt? Ein neues Rollenbild auf dem Organigramm beantwortet diese Fragen noch nicht.


Der aufschlussreichste Moment war ein Rückschritt

Besonders interessant finde ich eine Episode aus der Entwicklung der Bertha-von-Suttner-Schule. Nach einer Reportage des Deutschen Schulportals zeigte die Evaluation nach den ersten zwei Jahren selbstgesteuerten Lernens zunächst sinkende Kompetenzen. Die Schule untersuchte die Umsetzung. Dabei erkannte sie Defizite bei Instruktion, Struktur und Bindung und entwickelte ihre Begleitung weiter. Quelle: Deutsches Schulportal

Das passt nicht zur einfachen Erzählung: weniger Vorgaben, mehr Freiheit, bessere Ergebnisse.

Gerade deshalb ist diese Geschichte für mich so wertvoll. Ein Konzept wird nicht dadurch gut, dass es modern klingt. Es muss sich daran messen lassen, ob es den Menschen beim Lernen hilft. Und wenn die Rückmeldung dagegen spricht, muss sich etwas ändern dürfen – auch an der eigenen Lieblingsidee.

Gelebte Agilität zeigt sich nicht darin, einen eingeschlagenen Weg gegen jede Kritik zu verteidigen. Sie zeigt sich darin, aus Beobachtungen Konsequenzen zu ziehen.


Das kann mehr Selbstorganisation bedeuten. Es kann aber ebenso bedeuten, einen Zusammenhang noch einmal zu erklären, Erwartungen klarer zu machen oder die persönliche Begleitung zu verstärken. Die Richtung ergibt sich aus dem Lernbedarf, nicht aus einem Methodenideal.


Agile Schulentwicklung ist nicht nur meine Zuschreibung

Bei der Bertha-von-Suttner-Schule spricht die Jury ausdrücklich von „agilen Bottom-up-Prozessen“ im Zusammenspiel mit klaren Strukturen. Die Ferdinand-von-Steinbeis-Schule in Tuttlingen beschreibt ihre Schulentwicklung auch selbst als agil. Quelle: Der Deutsche Schulpreis

Das betrifft die Weiterentwicklung der Organisation. Es beweist nicht, dass Schülerinnen und Schüler mit Scrum arbeiten. Diese Unterscheidung ist wichtig: Individuelles Lernen, Zusammenarbeit im Kollegium und Schulentwicklung sind verschiedene Ebenen.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt findet sich an der Stadtteilschule Wilhelmsburg. Dort hebt die Jury wöchentliche Coachings zur Selbstreflexion und die gemeinsame Weiterentwicklung der Schule hervor.

Für mich verbindet diese Beispiele eine Frage: Lernen hier nur die Einzelnen – oder lernt auch die Organisation, die ihre Arbeit ermöglichen soll?


Was Unternehmen daraus für ihren Kulturwandel mitnehmen können

Ich würde aus diesen Beispielen keinen neuen Methodenkatalog ableiten. Mich interessieren die Bedingungen, unter denen Menschen Verantwortung übernehmen können.

Vertrauen braucht einen konkreten Ausdruck. Ein Team sollte sagen können, was es selbst entscheidet und wo Grenzen liegen. Eine Führungskraft sollte erklären können, wann sie unterstützt und wann sie eingreift. Bleibt das offen, lässt sich Selbstorganisation zwar fordern, aber schwer verlässlich gestalten.

Auch Rückmeldung braucht eine Konsequenz. Ein Gespräch über Schwierigkeiten ist ein Anfang. Entscheidend wird es dort, wo ein Team eine Arbeitsweise verändert, Unterstützung anders organisiert oder ein Ziel präzisiert. Beim nächsten Rückblick sollte diese Veränderung wieder auf dem Tisch liegen.

Vertrauen, Unterstützung, selbstorganisierte Teams sowie regelmäßige Reflexion und Anpassung gehören ausdrücklich zu den Prinzipien des Agilen Manifests. Die Verbindung zur Schule ist meine fachliche Einordnung – keine Behauptung, dass ihre pädagogischen Konzepte aus der Softwareentwicklung stammen.


Schulen sind keine Unternehmen, Kinder keine Produkte. Der Maßstab für den Unterricht darf nicht lauten, möglichst viele Aufgaben in möglichst kurzer Zeit abzuarbeiten. Für den Vergleich interessiert mich, wie ein Arbeitsumfeld gemeinsames Lernen und eigenverantwortliches Handeln unterstützt – nicht, wie sich betriebliche Leistungskennzahlen in die Schule übertragen lassen.


Evolution der Agilität statt Methoden-Theater

Für meine Arbeit an der agilen Transformation ist das ein hilfreicher Perspektivwechsel. Statt zuerst nach dem passenden Framework zu suchen, schaue ich auf das Zusammenspiel von Führung, Zusammenarbeit und Kulturentwicklung.

Welche Werte prägen Entscheidungen? Wie entsteht Teamgeist? Welche Techniken unterstützen die Arbeit tatsächlich? Und wie wird aus einzelnen Aktivitäten ein gemeinsames Vorgehen? In meinem 4T-Modell betrachte ich diese Fragen aus den Perspektiven Tugenden, Techniken, Teamgeist und Taktik.


Die Schulbeispiele sind für mich Anlässe, solche Fragen zu stellen – keine nachträgliche Bestätigung meines Modells. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie aus einem anderen Kontext kommen.

Eine eigene Spielphilosophie entsteht nicht, indem jede Organisation dieselben Methoden übernimmt. Sie muss zu den Menschen, ihrem Auftrag und ihren Herausforderungen passen. Für mich bedeutet Evolution der Agilität, diese Passung schrittweise zu entwickeln und immer wieder zu überprüfen.

Der Deutsche Schulpreis 2026 gibt dafür einen guten Denkanstoß. Vielleicht beginnt die nächste Weiterentwicklung nicht mit einem zusätzlichen agilen Ritual, sondern mit einer ehrlichen Frage:
Was müssten wir an unserer Zusammenarbeit verändern, damit Menschen ihre Verantwortung besser wahrnehmen können

Vortrag: Evolution der Agilität

In meinem Vortrag „Evolution der Agilität – wie die agile Transformation wieder ins Spiel kommt“ geht es darum, wie Kulturwandel, Führung und Zusammenarbeit gemeinsam weiterentwickelt werden können. Mit den 7 Spielsystemen und den vier 4T-Perspektiven öffne ich den Blick für eine eigene Spielphilosophie – statt für das nächste Methoden-Theater.

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Fazit: Agiles Arbeiten an Schulen beginnt mit der Lernkultur


Agiles Arbeiten an Schulen braucht mehr als Scrum, Sprints oder Kanban-Boards. Entscheidend ist eine Lernkultur, die Selbstorganisation, Eigenverantwortung, Zusammenarbeit und kontinuierliche Verbesserung verbindet. Die veröffentlichten Konzepte ausgezeichneter Schulen des Deutschen Schulpreises 2026 zeigen, wie selbstorganisiertes Lernen, unterstützendes Coaching und die gemeinsame Weiterentwicklung des Unterrichts zusammenkommen. Darin werden zentrale agile Prinzipien erkennbar – auch ohne ein einheitliches Framework.


Für mich liegt darin auch ein Impuls für die agile Transformation in Unternehmen: Kulturwandel entsteht nicht allein durch neue Methoden.


Führung, Teamgeist und organisatorische Rahmenbedingungen müssen sich gemeinsam weiterentwickeln. Eine Evolution der Agilität bedeutet deshalb, die eigene Zusammenarbeit schrittweise zu verbessern und ihre Wirkung zu überprüfen. Der Maßstab ist nicht, wie viele agile Rituale eine Organisation einführt, sondern ob Menschen Verantwortung übernehmen und gemeinsam lernen können.

// PRESSE & MEDIEN

Zu diesem Beitrag ist auch eine Pressemitteilung erschienen.

Zur Pressemitteilung

// FAQ: Fragen zum agilen Arbeiten an Schulen

  • Was bedeutet agiles Arbeiten an Schulen?

    Agiles Arbeiten an Schulen bezeichnet hier eine Lern- und Arbeitsweise, die Eigenverantwortung, Zusammenarbeit, regelmäßige Reflexion und Anpassung verbindet. Schülerinnen und Schüler gestalten ihr Lernen innerhalb klarer Ziele und vereinbarter Rahmenbedingungen mit. Auch Lehrkräfteteams entwickeln ihren Unterricht anhand von Erfahrungen und Rückmeldungen weiter. Die Verbindung zu agilen Prinzipien liegt insbesondere in Selbstorganisation, Vertrauen, Unterstützung und kontinuierlicher Verbesserung – nicht in der verpflichtenden Anwendung eines Frameworks.

  • Welche agilen Prinzipien zeigen die ausgezeichneten Schulen des Deutschen Schulpreises 2026?

    An der Hans-Leipelt-Schule werden kurze fachliche Einführungen mit selbstorganisiertem Lernen und Coaching verbunden. Die Bertha-von-Suttner-Schule nutzt Daten zur individuellen Förderung; ihre Jurybegründung nennt zudem ausdrücklich agile Prozesse in der Schulentwicklung. Darin erkenne ich Parallelen zu Eigenverantwortung, Zusammenarbeit und einer Weiterentwicklung auf Basis überprüfbarer Rückmeldungen. Das ist jedoch kein Beleg dafür, dass die Schulen im Unterricht durchgängig mit Scrum oder Kanban arbeiten.


    Quelle: https://www.deutscher-schulpreis.de/preistraeger/hans-leipelt-schule-donauwoerth

  • Was haben agile Prinzipien mit Sport zu tun?

    Teamsport macht agile Prinzipien wie Selbstorganisation, direkte Kommunikation und kontinuierliche Verbesserung anschaulich. Eine Mannschaft braucht eine gemeinsame Orientierung, muss im Spiel aber eigenständig auf neue Situationen reagieren. Nicht jede Entscheidung kann von der Trainerbank kommen. Training, Feedback und gemeinsame Reflexion helfen dabei, das Zusammenspiel weiterzuentwickeln. 


    Genau hier liegt die Verbindung zu gelebter Agilität: klare Ziele und ein unterstützender Rahmen statt detaillierter Steuerung jeder einzelnen Handlung. 

    Mit meinem Kartenset „Agilität trifft Teamsport“ übersetze ich die 12 agilen Prinzipien in greifbare Teamsport-Analogien. Reflexionsfragen laden dazu ein, die eigene Zusammenarbeit zu betrachten und konkrete Verbesserungen zu vereinbaren – unabhängig von einem Framework wie Scrum. 


    Für Schulen interessiert mich dabei nicht der sportliche Wettbewerb, sondern das gemeinsame Lernen: Wie übernehmen wir Verantwortung, unterstützen uns gegenseitig und entwickeln unseren Teamgeist weiter?

  • Brauchen Schulen Scrum, Sprints oder Kanban-Boards, um agil zu arbeiten?

    Nein. Agile Prinzipien setzen kein bestimmtes Framework voraus. Für den Unterricht lassen sich einzelne Elemente gezielt erproben: zeitlich begrenzte Lernphasen mit einem gemeinsamen Ziel, Aufgabenboards für mehr Transparenz oder Retrospektiven zur Verbesserung der Zusammenarbeit. Ein Kanban-Board sollte dabei nicht nur Aufgaben zeigen, sondern auch helfen, gleichzeitig begonnene Arbeit zu begrenzen. Solche Übertragungen sind Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung – und nicht automatisch vollständiges Scrum oder Kanban.

  • Welche Rolle übernehmen Lehrkräfte beim selbstorganisierten Lernen?

    Lehrkräfte werden natürlich nicht überflüssig und geben ihre pädagogische Verantwortung nicht ab. Fachliche Einführung, Orientierung und unterstützende Begleitung gehören zusammen. Die Hans-Leipelt-Schule verbindet beispielsweise kurze Inputphasen mit differenzierten Materialien und Coaching nach Bedarf. Für die Übertragung auf agile Prinzipien ist dieses Zusammenspiel entscheidend: Selbstorganisation bedeutet nicht, Menschen allein zu lassen, sondern ihnen Handlungsspielraum und passende Unterstützung zu geben.

  • Woran lässt sich erkennen, ob Agilität das Lernen unterstützt?

    Der Maßstab sollte der Lernfortschritt sein, nicht die Zahl erledigter Aufgaben. Ein fertiges Plakat oder eine gelungene Gruppenpräsentation zeigt zunächst das gemeinsame Arbeitsergebnis. Zusätzlich sollte sichtbar werden, was jede einzelne Person verstanden hat. Dafür bieten sich kurze Erklärungen in eigenen Worten, vergleichbare Einzelaufgaben und gezielte Rückmeldungen an. Eine Retrospektive ergänzt diese fachliche Überprüfung um die Frage, wie die Zusammenarbeit beim nächsten Mal verbessert werden kann.

  • Was können Unternehmen daraus für ihre agile Transformation lernen?

    Für Unternehmen lässt sich daraus eine Leitfrage ableiten: Wie verbinden wir Eigenverantwortung mit Orientierung, Unterstützung und gemeinsamer Weiterentwicklung? Meine Schlussfolgerung ist, dass gelebte Agilität mehr verlangt als neue Rollen und Meetings. Kulturentwicklung muss auch Führung, Entscheidungsräume und Teamgeist einbeziehen. Diese Perspektive greife ich im 

    Vortrag „Evolution der Agilität – wie die agile Transformation wieder ins Spiel kommt“ auf: eine eigene Spielphilosophie entwickeln, statt lediglich das nächste Framework einzuführen.